Mia Rade

Ein Zettel an der verschlossenen Tür, der mich informiert, hier ist in den nächsten zwei Wochen niemand da. Ein Jugendlicher steht an der Ecke, eine andere sitzt auf der Treppe zum Eingang. Kurz beobachtet sie, wie ich trotz dem Hinweis einmal an der Tür rüttle und schaut dann wieder gelangweilt auf ihr Handy.

Ich mache mich also wieder auf den Weg zurück zu meinem Auto und recherchiere nach anderen Jugendhäusern in der Gegend, die ich mit dem Auto zwar erreichen kann, für die die meisten Jugendlichen jedoch kaum eine praktikable Anbindung mit Bus und Bahn haben.

Seit meinem Einstieg als Praktikantin in das Projekt Trapoja habe ich zahlreiche Interviews gelesen. Immer wieder war ich von den Möglichkeiten und Angeboten überrascht, die die Jugendlichen in den Städten zur Verfügung haben. Tonstudios in Jugendhäusern, Open-Mic-Veranstaltungen, Hip-Hop-Workshops und so viel mehr. Und immer wieder habe ich mich gefragt, was sind die Angebote für Hip-Hop interessierte Jugendliche in dem kleinen schwäbischen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin?

Die Projekte der Förderrichtlinie „Kulturelle Bildung im ländlichen Raum“, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde, haben sich mit den Potenzialen und Herausforderungen kultureller Bildung im ländlichen Raum beschäftigt. Ein zentrales Ergebnis war, dass kulturelle Bildung im ländlichen Raum in hohem Maße von lokalen Einzelakteuren getragen wird. Dadurch sind kulturelle Bildungsangebote zwar stark an lokale Bedürfnisse angepasst, zugleich jedoch auch in besonderem Maße von der Verfügbarkeit und dem Engagement einzelner Personen abhängig.

„Mich beeindruckt in ländlichen Räumen vor allem das Engagement oftmals einzelner Leitfiguren, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, für die Gestaltung und damit für die Kulturelle Bildung an diesen Orten ein zustehen und die nicht selten einen erheblichen Anteil ihrer (privaten) Lebenszeit und Ressourcen in diese Aufgabe stecken. Dies eröffnet viele Potenziale, schafft Nähe und Identifikation, macht die Kulturelle Bildung gerade in ländlichen Räumen aber auch anfällig. Denn wenn diese Leitfiguren aus irgendwelchen Gründen wegfallen, bricht mit ihnen oft eine ganze Infrastruktur zusammen.“

(Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand Weiss)

Um im Kontext des Projekts Trapoja eine weitere Perspektive im Bereich der Jugendarbeit mit HipHop zu liefern und aus persönlichem Interesse, beschloss ich, während meines Heimaturlaubs mit Akteur*innen der Jugendarbeit in und rund um Ehingen zu sprechen. Nach anfänglicher Enttäuschung folgte jedoch eine positive Überraschung: Schon zurück in Berlin und bereits davon ausgehend, einen sehr kurzen Bericht über die Unauffindbarkeit von Hip-Hop-Angeboten für Jugendliche vor Ort zu schreiben, meldete sich doch noch ein Mitarbeiter eines Jugendhauses bei mir. Gemeinsam mit einem Jugendlichen gab er mir Einblick in seine Arbeit.

Hip-Hop zwischen Jugendzentrum und Tonstudio

Moritz ist Jugendarbeiter im Jugendzentrum Ehingen und Ansprechpartner, wenn man hier Musik machen möchte. Er war es auch, der das einrichtungseigene Tonstudio vor circa zehn Jahren, während seines FSJs ins Leben gerufen hat. Durch Workshops gezielt für Anfänger werden die Türen geöffnet für Jugendliche, die bisher noch keine Musik machen. So kann das Angebot kennengelernt und die erste Schwelle überwunden werden.

Wer möchte, kann aber auch einfach so auf den Jugendarbeiter zukommen und einen Termin für die Nutzung des Tonstudios machen. So wie Kaan, der hier schon seine eigenen Songs aufgenommen hat. Kaan erzählt mir begeistert, wie viel Spaß ihm das Aufnehmen mache und von dem “heftigen Gefühl” einen fertigen Song aufgenommen zu haben.

Als einziges Jugendzentrum der baden-württembergischen Kleinstadt und größtes Haus des Landkreises bietet das Jugendzentrum Ehingen (Donau) einen relevanten Treffpunkt für Jugendliche mit einem Café, einem Billardtisch, engagierten Mitarbeiter:innen und der Möglichkeit, Musik zu machen. Das Tonstudio der Einrichtung ist kostenlos und frei zugänglich und es wird ein Proberaum für Bands geboten. Außerdem finden monatlich Konzerte statt und Bands, die hier proben, haben auch vor Ort die Möglichkeit erste Live-Erfahrungen zu sammeln.

Die Angebote rund um Musik und Hip-Hop sind kein Schwerpunkt der dortigen Jugendarbeit im Allgemeinen, dennoch, erzählt Moritz, würde es gut angenommen werden und es gäbe immer ein paar Jugendliche, die die Angebote nutzen und regelmäßig das Tonstudio aufsuchen.

Wenn Einzelne die kulturelle Infrastruktur tragen

Auf mich wirkt es, als ob Moritz nicht nur eine wichtige, sondern die zentrale Rolle für die lokale Jugendarbeit mit Hip-Hop spielen würde. Er leistet vieles, was in größeren Städten durch ein Netzwerk aus mehreren Akteur*innen getragen wird. Ohne ihn gäbe es kein Tonstudio und er ist auch Initiator anderer Angebote, wie einer Hip-Hop-AG, die beginnend mit dem neuen Halbjahr am örtlichen Gymnasium angeboten werden soll.

Da meine Eindrücke auf dem Gespräch mit nur einem Jugendarbeiter und einem Jugendlichen beruhen, ist meine Perspektive zwangsläufig subjektiv und nicht repräsentativ. Wissenschaftlich belastbare Aussagen lassen sich daraus nicht ableiten. Gleichzeitig lassen sich im Gespräch mit Moritz und Kaan jedoch inhaltliche Parallelen zu den Erkenntnissen der Förderrichtlinie „Kulturelle Bildung im ländlichen Raum“ erkennen.

Auch im Jugendzentrum Ehingen wird sichtbar, wie stark die Angebote im ländlichen Raum an das Engagement einzelner Akteur*innen gebunden sind. Moritz initiiert die Angebote, hält sie kontinuierlich aufrecht und fungiert als verlässliche Ansprechperson für die Jugendlichen. Durch seine langfristige Begleitung und sein Engagement trägt er maßgeblich zur Weiterentwicklung der Angebote bei.

Gemeinschaft statt Konkurrenz: Was ländliche Strukturen ermöglichen

Der Hobby-Musiker Kaan betont, wie dankbar er für die ihm gebotenen Möglichkeiten, insbesondere durch Moritz ist. Das Jugendzentrum in Ehingen scheint in der Region für Jugendliche weitestgehend die einzige Möglichkeit für Hip-Hop-Angebote zu sein. Ein größeres Netzwerk von Hip-Hop Angeboten für Jugendliche besteht in der Umgebung nicht. Allerdings macht es auf mich den Eindruck, dass sich das positiv auf das Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl auswirkt. Das spielt eine bedeutende Rolle im Hip-Hop und besonders in der Jugendarbeit. Kaan erzählt, dass er selbst für vermeintlich bessere Angebote keine andere Einrichtung aufsuchen wolle, da er sich hier wohl und gebunden fühle. Er sei in diesem Jugendhaus aufgewachsen und könne sich nicht vorstellen ein anderes Jugendhaus zu besuchen, erklärt er mir. Das fühle sich für ihn fremd an. Jugendliche wie Kaan nehmen das Engagement des Sozialarbeiters deutlich wahr und verknüpfen die bestehenden Angebote eng mit seiner Person. Das bietet den Nährboden für eine gelingende und langfristig orientierte Jugendarbeit

Für die Jugendlichen, die das Angebot bereits kennen und nutzen, funktioniert die bestehende Struktur gut. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass der Zugang für neue Interessierte, die bislang keinen Kontakt zu den Angeboten haben, schwierig ist. Die Angebote werden laut Moritz nicht speziell beworben, da seine Kapazitäten und die des Tonstudios bereits durch Mundpropaganda vollends ausgeschöpft seien. Und auch während meiner Recherche nach Angeboten und Akteuren in der Gegend zeichnete sich mir ein Bild des erschwerten Zugangs ohne Kontakte. Ich stand vor einigen verschlossenen Türen, weil online keine Öffnungszeiten ersichtlich waren. Viele Einrichtungen und Angebote wirkten für mich als Außenstehende (und auch als Außenstehende der Zielgruppe) wie geschlossene Gruppen mit interner Kommunikation. So trat ich beispielsweise einer WhatsApp-Gruppe eines Jugendhauses bei, die zur Mitteilung abweichender Öffnungszeiten vorgesehen ist. Mitteilungen gab es dort jedoch keine.

Mein Gespräch mit Kaan und Moritz zeigte mir, dass eine erfolgreiche Hip-Hop-Jugendarbeit, keine großen urbanen Netzwerke zur Voraussetzung hat und dass auch Jugendliche in dem, mir sonst so verschlafen vorkommenden Städtchen, coole Angebote zur Verfügung haben. Das Gespräch und die mühsame Suche nach Ansprechpartnern zeigten mir aber auch, dass der Zugang zu diesen Angeboten nicht immer leicht zu finden ist. Kontakt zu Leuten zu haben, die über Angebote Bescheid wissen ist von großem Vorteil. Auf eigene Faust zu beschließen, selbst solche Angebote wahrzunehmen, scheint mit einer größeren Hemm- und Informationsschwelle verbunden, definitiv aber nicht unmöglich zu sein.