Von Carla Zech
Am Rand von Bremen, dort wo die Straßenbahnlinie 1 endet und Menschen aus aller Welt ihr Zuhause gefunden haben, liegt Huchting. Ein Stadtteil, der nicht viel Aufhebens um sich macht. Aber an diesem Freitagabend, dem 16. Mai 2025, pulsiert zwischen Schulmensa und Bühnenlicht etwas, das größer ist als nur ein Talentwettbewerb.
Das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium verwandelt sich für ein paar Stunden in ein kleines, vibrierendes Universum aus Beats, Rhymes und jugendlicher Euphorie. Es riecht nach Hotdogs und Lampenfieber. Zehn junge Künstler*innen treten auf. Fünf schaffen es ins Finale. Aber eigentlich ist der Wettbewerb längst entschieden, bevor überhaupt jemand gewonnen hat. Denn der eigentliche Sieg liegt in der Luft: sichtbar in den glänzenden Augen derer, die sich zum ersten Mal trauen, ein Mikro in die Hand zu nehmen oder emsig jedes Jahr wieder kommen. Hörbar in jedem Takt, der aus den Boxen dröhnt.
Adem steht etwas abseits, neben der Bühne, die Arme vor der Brust verschränkt. Mitte Vierzig, Bart, warmes Lächeln. Er ist Sozialarbeiter im Stadtteilbüro Huchting. Seit über zwanzig Jahren arbeitet Adem mit Jugendlichen. HipHop ist sein Werkzeug, nicht seine Religion, wie er betont, aber “Jugenarbeit ohne HipHop, das geht überhaupt nicht,” erzählt er mir. Freitage gehören dem Rap-Projekt. Dann treffen sich Jugendliche aus Huchting und ganz Bremen: manche, um sich auszuprobieren, andere, weil sie von einer Karriere träumen. Adem kennt sie alle. Und sie kennen ihn.
Hossein ist 17, trägt seine schwarzen Haare in einem Dutt, darüber seine Cap. Vor vier Jahren kam er aus Iran. Vor zwei Jahren hat er angefangen zu rappen. Heute steht er auf dieser Bühne – und bringt für einen Moment die 90er zurück. Biggie, Easy E, East und West Coast gemeinsam auferstanden in einer Schulaula in Huchting. Hossein lebt für diesen Moment. Davor hat er noch geübt, gebetet, sich vorbereitet. Und jetzt steht er da, mit einer Stimme – wie Adu, der Moderator später sagen wird -, die man “seit XXX nicht mehr gehört” hat.
Nach jedem Auftritt bedankt er sich bei Adem. „Ich habe schon gesungen, bevor ich Adem getroffen habe – aber nur unter der Dusche,” erzählt er mir mit einem verschmitzten Grinsen. Jetzt hat er seinen eigenen Schlüssel fürs Stadtteilbüro in Huchting, wo auch das Rap Projekt stattfindet. Er kommt fast täglich, um zu schreiben und zu rappen. Adem war einmal in seiner Schule, hat auf dem Pausenhof gerappt. So hat alles angefangen.
Dass der Abend überhaupt stattfinden kann, ist auch Zeinab zu verdanken. 18, aufgeschlossen, voller Energie. Sie ist ein Organisationstalent. Früher selbst Teilnehmerin im Rap-Projekt, arbeitet sie jetzt neben dem Abi als Honorarkraft im Stadtteilbüro und ist Teil des Jugendbeirats Huchting. Der hat den Talentwettbewerb auf die Beine gestellt – mit allem, was dazugehört: Preisgelder, Location, Verpflegung, Jury. Zeinab ist krank, darf wegen ihrer Stimme eigentlich nicht auftreten. Aber kurz vor der Preisverleihung steht sie dann doch auf der Bühne. Sie rappt, tanzt, versprüht Energie. Die erste Reihe tobt.
„Ich liebe die Bühne,” sagt sie mir. Songs veröffentlichen? Muss nicht sein. “Es reicht, wenn die Leute hier in Huchting wissen, was ich mache.”
Durch den Abend führt Adu, Moderator, Musiker, Entertainer. Er kennt das Spiel mit dem Publikum, kennt die richtigen Worte für jeden Act. Die Jury: drei Künstler*innen aus der HipHop Szene. Nellie, extra aus Berlin angereist, Onkel Fränk und Maxman. Sie alle bringen Glaubwürdigkeit, Expertise – und die Fähigkeit, zuzuhören.
Die Atmosphäre ist herzlich. Kein Wettkampf im klassischen Sinn, sondern ein kollektives Feiern von Ausdruck und Gemeinschaft. Und doch: Am Ende gewinnt Hossein.
Als sein Name fällt, bleibt er still. Der Applaus rauscht wie eine Welle durch den Saal. Hossein schaut auf seine Schuhe. Dann greift er beherzt zum Mikro und bedankt sich. „Aber dieses Geld ist wertlos. Wir sterben alle – reich oder arm. Die Grace geht zu Jesus.”
Draußen ist es dunkel geworden. Auf der Bühne strahlen noch die Scheinwerfer. Jugendliche umarmen sich, machen Fotos, nutzen die Chance, noch einmal mit den Musiker*innen aus der Jury ins Gespräch zu kommen. Adem steht zwischen ihnen, mit diesem zufriedenen Blick eines Menschen, der weiß, dass seine Arbeit Früchte trägt – nicht in Form von Trophäen, sondern in Momenten wie diesen.
Ich treffe Hossein zum Abschied. Seine Stimme ist brüchig, die Augen müde. Ich gratuliere ihm. Er nickt. „Ich muss jetzt ganz dringend schlafen.”
Und ich denke: Es war ein langer Abend. Ein schöner Abend. Vielleicht sogar ein wichtiger. In einem Viertel, das nicht viel Aufhebens um sich macht. Aber ganz genau weiß, was es kann.